Zu Hause

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Resümee Kerstin

Mit „Ostsee rund“ ist einer meiner großen Träume in Erfüllung gegangen. Viele Jahre war es nur Theorie, nun wurde es Praxis.
Die Vorfreude war groß, ebenso die Unsicherheit:
Würde ich es aushalten, drei Monate auf ca. 12 qm zu leben?
Werde ich meine Angst beim Segeln überwinden?
Kann ich die körperlichen Anforderungen erfüllen?
Wie sehr werde ich mein Zuhause vermissen?
Werde ich mich die ganze Zeit mit Walter vertragen?
Die Antwort ist einfach: Ja, ich kann das alles.

Diese Reise war mein größtes Abenteuer überhaupt und eine große Herausforderung. Wenn ich zurückblicke, dann sind diese drei Monate wie im Fluge vergangen. Kein Heimweh, sondern bis zuletzt große Abenteuerlust und Neugier auf mehr/MEER.
Natürlich lief nicht immer alles glatt und wir hatten auch unsere (kleinen) Krisen. Aber wie sagt man so schön: Was uns nicht umbringt macht uns stärker.

Stolz, wenn Anlegemanöver wie am Schnürchen funktionierten.
Glücklich, wenn das Schiff im Highspeed-Modus über meterhohe Wellen flog.
Neugierig, wenn es darum ging, neue Städte und Länder mit ihren Menschen, Sehenswürdigkeiten und ihrer Natur kennen zu lernen.
Immer weniger Angst bei ruppigen Bedingungen und Sicherheit bei den Abläufen.
Ja, und auch 12 qm können über längere Zeit ein gemütliches Zuhause sein.

Die größte Herausforderung für mich war die Fahrt von Hel nach Klaipeda um die russische Enklave Kaliningrad herum. Wir wussten um die Gefahren und waren entsprechend vorsichtig, sind einen großzügigen Umweg gesegelt. Aber 34 Stunden nonstop auf dem Meer haben mich dann doch an meine physischen und psychischen Grenzen gebracht. Die Müdigkeit nach durchwachter Nacht war kaum auszuhalten. Und auch ein Segelmanöver mitten in der Nacht bei hohem Wellengang, Wind gegen an und Walter rumturnend auf dem Schiff, um das Groß einzuholen, hat mich zittern lassen.
Aber die andere Seite der Medaille waren grandiose Naturschauspiele wie zum Beispiel Sonnenunter- und aufgang auf der offenen See oder ein unverstellter Sternenhimmel.
Diese Bilder und Gefühle vergisst du nie mehr.

Die schönsten Stunden waren im Rückblick die Sonnenuntergänge mit Sundowner in der Hand vor Anker in einer idyllischen Bucht. Oder das überraschende Auftauchen eines Seehundes neben dem Boot. Oder … es gibt einfach zu viele „schönste Stunden“.

Was bleibt, sind die vielen Erfahrungen und Eindrücke, die wir tief in uns gespeichert haben.
Ein paar weiße Flecken weniger auf meiner Landkarte.
Eintauchen in die Natur und in/mit ihr leben.
Einlassen auf Neues und Unbekanntes.
Das Bewusstsein, dass man stärker ist als man glaubt und man Angst und Unsicherheit überwinden kann.
Das Vertrauen in die Partnerschaft.

Das alles wäre nicht möglich gewesen ohne die Rückendeckung zu Hause:
Danke Friedlinde und Hans-Joachim für eure liebevolle Betreuung unserer Katze Lilli und den ständigen wachsamen Blick auf Haus und Garten.
Danke Sabine und Marei für euer Verständnis und eure Fürsorge.
Danke Mutti, dass du mir deinen „Segen“ für dieses Abenteuer gegeben und so lebhaft Anteil genommen hast.
Danke an alle, die uns hier im Blog begleitet und uns mit ihrem Feedback ein gutes Gefühl gegeben haben.

Jetzt heißt es zu Hause ankommen und das Erlebte verarbeiten. Meine Sinne sind geschärft, möglicherweise verschiebt sich das eine oder andere Interesse. Bewusster mit der verbleibenden Lebenszeit umzugehen ist für mich ein wichtiges Fazit aus dieser Reise. Und ich bleibe neugierig und abenteuerlustig, so lange es geht. Mal schauen, was sich 2023 damit anfangen lässt…

Resümee Walter

Was hat der Turn mir gegeben?
Erlebnisse und Erfahrungen, von denen einige im Kopf nachverarbeitet werden müssten, um sie begreifbarer zu machen.
Das ständig Neue jenseits des Alltags bewegte meinen Körper so, dass ich, ohne bewusst dazu was getan zu haben, von Übergewicht auf Normalgewicht gerutscht bin. Vielleicht das sichtbarste Zeichen dafür, dass wohl deutlich was anderes passiert ist.

Da sind die vielen Natureindrücke, die das Auge bezüglich der Wahrnehmung geschärft haben. Neu für mich waren die Wahrnehmungen der Unterschiede zwischen den Mentalitäten der Länder. Am Ende kann ich mir vorstellen, meine Alltagsumgebung bewusster zu erfassen, sowohl sinnlich als auch im Kopf.
Der erlebte Kontrast zwischen Naturschönheit, Besitznahme der Natur, tolle und unsympathische Menschen und einer stetig latent wahrzunehmenden militärischen Präsenz auf dem Wasser und in der Luft sowie die Nervosität der baltischen Länder, das alles muss ich erst verarbeiten.

Über die Erfahrungen der eigenen Stärken und Unzulänglichkeiten will ich mich hier nicht auslassen. Nur so viel, dass die Selbstreflexion – trotz mancher Grenzerfahrungen – wohl schwierig bleiben wird.
Die Frage, warum die ganze Chose mit einem Segelboot, ist für mich auch nicht leicht zu beantworten. Segeln ist keine Fahrt auf vorgegebenen Straßen. Du musst dir den Weg selbst bahnen und dich mit Wind und Welle engagieren. Das kann zum Himmelreich werden oder zur Höllenfahrt mutieren. Spannungsreiche Vorfreude vor jedem Ablegen, das bald dem Wunsch des Ankommens im sicheren Hafen weicht. Und dann diese Momente, wo du am Ruder im Rhythmus eins bist mit Boot, Welle und Wind. Letztendlich erhält das Erreichen des Ziels eine Bedeutung, die den Schwung zur Landentdeckung beflügelt. So wird die Strecke irgendwie zu deinem eigenen Weg. Sorry, es ist halt schwer zu erklären.
Riesig bleibt, die Bewegung durch fremdes Gefilde mit einem langen Zeitbudget im Gepäck, das sich an die Windgeschwindigkeit eines Segels anpassen kann.

Sehr dankbar bin ich unseren Freunden, unseren Nachbarn, die das Zurückgebliebene, wie Haus, Hof und Katze gehütet haben. Sowie der „TheaterGäng“, die durch die lange Abwesenheit improvisieren mussten.
Heimweh konnte bei dem Taktschlag der Bewegung und den Eindrücken kaum aufkommen. In den Sozialen Medien den Kontakt zu Familie und Freunden zu halten war sehr wichtig. Die Feedbacks im Block waren wie eine tolle steife Brise, die der Reise Schwung gaben.
Und das Fernweh? Das beginnt sich jetzt schon zu melden…

Nachschlag aus dem Kopf gequirlt:
⁃ Mit einem Sundowner in der Birne willst du nicht nach Hause.
⁃ Nach 3 Monaten Bordleben fühlt sich das Boot immer noch wie eine heimische Wohlfühlmuschel an.
⁃ Wie Körper und Gehirn sich an unangenehme Situationen anpassen können – enorm.
⁃ Zwischenmenschliche Probleme bei Enge? Fehlanzeige, wenn Gleichberechtigung, Wellenlänge und Interesse stimmen.
⁃ Ich fürchte während der anstehenden Winterzeit zu Hause um mein neu errungenes Normalgewicht…

Statistik

Gesamtstrecke: 1.700 Seemeilen, davon 2/3 gesegelt, 1/3 motort.

Gesamtzeit: 101 Tage, davon 16 Tage geankert und 1 Nacht durchgesegelt.